Meere und Ozeane galten lange Zeit als unerschöpflich. Über viele Jahrtausende stimmte das auch. Die Menschen lebten mit und von dem Meer, ohne es zu zerstören. Doch das änderte sich mit der Industrialisierung. Es ist inzwischen offensichtlich: Auch wenn die Weltmeere 71 Prozent der Erdoberfläche bedecken - sie sind endlich. Ihre Kraft und ihre Fähigkeit, sich selbst zu regenerieren, nehmen stetig ab.
Dennoch steigen unsere Ansprüche an die Ozeane. Fischerei und Aquakultur leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung. Doch viele Bestände von Speisefischen gelten inzwischen als überfischt. Gleichzeitig fördern wir auf Bohrinseln Erdgas und Erdöl aus dem tiefen Meeresuntergrund und beginnen auch die mineralischen Ressourcen in der Tiefsee abzubauen. Auch die Energiegewinnung auf den Meeren gewinnt rasant an Bedeutung, die Zahl großflächiger Offshore-Windparks steigt. Gleiches gilt für Schifffahrt und Transport; die Zahl der Frachtschiffe, die Waren und Rohstoffe über die Meere befördern, wächst stetig. Doch die Meere sind auch Erholungs- und Kulturraum für Millionen Menschen, die eine intakte Küsten- und Meeresnatur schätzen und von und mit den Meeren leben.
Kurz gesagt: Die Weltmeere bieten uns Nahrung, Energie, Transportwege, mineralische Ressourcen und Erholung. Weiterhin soll uns das Meer auch bei der Lösung der Klimakrise helfen, indem wir abgeschiedenes Kohlendioxid in tiefliegenden Gesteinsschichten verpressen oder die natürliche Kohlendioxidaufnahme des Meeres künstlich verstärken.
Eine nachhaltige Nutzung ist möglich
Diese Wunschliste an das Meer ließe sich fortführen. Doch der immer weiter zunehmenden Nutzung der vielfältigen Ressourcen der Meere stehen dramatische Verluste mariner Artenvielfalt gegenüber. Wichtige Lebensräume sind bereits zerstört, wertvolle Ökosystemfunktionen vielerorts verloren. Hinzu kommt, dass die aus der Übernutzung resultierenden Probleme der Meere durch Verschmutzung und den Klimawandel noch weiter beschleunigt werden.
Aber wir stehen diesen Problemen nicht machtlos gegenüber. Um sie zu lösen, ist eine Kehrtwende in unserem Denken und Handeln notwendig. Es müssen Ideale und Werte in den Vordergrund treten, die den Wert gesunder und funktionierender mariner Ökosysteme in den Mittelpunkt stellen. Der Begriff “Wert” kann dabei durchaus auch ökonomisch verstanden werden. Gesunde marine Ökosysteme bieten dem Menschen wertvolle Dienstleistungen, wie Küstenschutz oder Nahrung, die andernfalls teuer bezahlt werden müssten.
Sinnvoll ist ein naturverträglicher Umgang mit Küsten, Meeren und Ozeanen, der den Schutz und die Wiederherstellung der Meeresökosysteme mit ihrer nachhaltigen Nutzung verbindet und sowohl für die heutige Gesellschaft als auch für künftige Generationen tragfähig ist. Es gibt bereits zahlreiche Initiativen für eine nachhaltige Nutzung, beispielsweise mit dem Ziel, bestimmte Meeresgebiete intensiv und für ganz unterschiedliche Zwecke zu nutzen, während andere dem Umwelt- und Artenschutz vorbehalten sind. Bis zum Jahr 2030 sollen 30 Prozent der Meeresfläche unter Schutz gestellt oder durch andere gebietsbezogene Maßnahmen wirksam erhalten werden.
Damit dieses Ziel erreicht werden kann, dürfen Meeresthemen und -krisen nicht länger isoliert voneinander betrachtet werden. Ein modernes Meeresmanagement erfordert stattdessen eine themen-, sektoren- und akteursübergreifende Zusammenarbeit mit transparenten Entscheidungsprozessen, an denen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ebenso beteiligt sind wie alle Bevölkerungsgruppen, die von möglichen Auswirkungen der Entscheidungen betroffen sein könnten. Eine gesamtgesellschaftliche Herkulesaufgabe.