1. Eine wechselvolle Naturgeschichte
Das Wattenmeer an der Nordseeküste gilt neben den Alpengipfeln als eine der wenigen Landschaften Mitteleuropas, in die der Mensch bisher nur am Rande eingegriffen hat. Seit 2009 ist es als UNESCO-Weltnaturerbe anerkannt und genießt damit internationale Wertschätzung ähnlich wie das Great Barrier Reef oder die Galapagosinseln. Die Weltnaturschutzunion IUCN bezeichnet seinen ökologischen Zustand allerdings nur noch mit Einschränkungen als gut.
Der Blick zurück zeigt, dass dem Watt lange keine große Wertschätzung zuteil wurde. Schlick und Sand gewannen erst dann an Bedeutung, wenn man sie dem Meer durch Landgewinnung und Eindeichung abgerungen hatte. Das gipfelte sogar in der Idee, das gesamte Wattenmeer zwischen Festland und Inseln durch Dämme und Sperrwerke in Agrarland zu verwandeln. Doch in den 1960er-Jahren formierte sich eine Gegenbewegung, zuerst in den Niederlanden, dann in Deutschland und Dänemark. Man erkannte, dass die weiten Wattflächen die besiedelte Küste bei Sturm schützen, und entdeckte den ökologischen Wert des Gebiets: als Kinderstube für Nordseefische, als Nahrungs- und Rastgebiet für Zugvogelschwärme und als Lebensraum der damals selten gewordenen Seehunde. In den 1980er-Jahren endete das Eindeichen und es entstanden Nationalparks im Wattenmeer.
Während sich der Naturschutz anfangs vorwiegend um die im Wattenmeer bedrohten Brutvögel sorgte, haben die heutigen Nationalparks das Ziel, den möglichst natürlichen Verlauf der Prozesse im gesamten Ökosystem Wattenmeer zuzulassen und dessen natürliche Biodiversität zu erhalten.
Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass sich die Natur ständig weiterentwickelt – besonders in dem erdgeschichtlich jungen Wattenmeer. Dieses entstand erst vor rund 7.000 Jahren als der nacheiszeitliche Meeresanstieg schwächer wurde und küstennahe Sedimentablagerungen ihn ausgleichen konnten. Eingeschränkt wurde dieses Wechselspiel der Naturkräfte an der Nordseeküste schon vor tausend Jahren, als das Eindeichen von Salzmarschen und Wattflächen begann. Auch größere Tierarten verschwanden bereits früh durch Jagd und Fischerei. Die ökologische Geschichte des Wattenmeeres ist daher wechselvoll und mit menschlichen Einflüssen verwoben. Die Vorstellung von einem „ökologischen Gleichgewicht“ greift hier nicht. Besonders gut dokumentiert ist der Wandel im Wattenmeer in einer Bucht am Nordende der Insel Sylt: dem Königshafen. Der royale Name erinnert an eine blutige Seeschlacht des dänischen Königs im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648).
2. Hundert Jahre Forschung im Königshafen
Der Königshafen ist von Dünen umrahmt und gegen Sturmfluten aus dem Westen geschützt. Die Wattenmeerbucht umfasst rund acht Quadratkilometer. Etwas mehr als die Hälfte davon taucht bei Ebbe als Wattboden auf. Salzmarschen, Sandflächen, Schlickwatten, Muschelriffe und Priele bilden vielfältige Lebensräume.
Bereits 1924 wurde am Königshafen ein Labor eingerichtet, aus dem heute die Wattenmeerstation Sylt des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) hervorgegangen ist. Damals sollten die von Überfischung bedrohten Austernbänke gerettet werden. Das gelang nicht und die heimische Europäische Auster (Ostrea edulis) starb im Wattenmeer aus. Aber es entstand seitdem eine Fülle von ökologischen Aufzeichnungen. So wurden Seegraswiesen und Muschelbänke in der Wattenmeerbucht erstmals von Wilhelm Nienburg im Jahr 1924 kartiert. In den 1930er Jahren untersuchte Erich Wohlenberg dort zum ersten Mal die Sedimente und die Bodentiere.
In den vergangenen hundert Jahre entstanden über 500 Fachpublikationen zur Geologie, Biologie und Ökologie des Königshafens. Ergänzt durch zahlreiche studentische Examensarbeiten sowie ab 1936 auch durch hochaufgelöste Luftbilder entstand ein umfassendes Bild der ökologischen Entwicklungen in dieser Wattenmeerbucht. Außerdem lernten dort über 20.000 Studierende in meist zweiwöchigen Kursen das Leben in Meerwasser und Wattboden kennen.
Seit 1980 steht der Königshafen unter Naturschutz; seit 1985 gehört er zum Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und seit 2009 zum UNESCO Weltnaturerbe. Seine außergewöhnlich gut dokumentierte ökologische Geschichte bietet Einsichten, die weit über die kleine Wattenmeerbucht hinausgehen und Perspektiven für unseren Umgang mit dem globalen Wandel bieten.
3. Damals und heute: der Zustand von 1924
Wilhelm Nienburgs Karte von 1924 zeigt eine Bucht, die heute kaum wiederzuerkennen ist. Seegraswiesen kamen im gesamten Königshafen vor: in Ufernähe das Zwergseegras (Nanozostera noltei), weiter seewärts das Große Seegras (Zostera marina). Letzteres wuchs auch am ständig überfluteten Hang zur tiefen Wattstromrinne, und zwar so dicht, dass sich beim Rudern die Riemen in den langen Blättern verfingen, wie Erich Wohlenberg schreibt. Weite Flächen bestanden aus Schlick, der so weich war, dass man ihn nicht durchwaten konnte – die Forscher der 1920er- und 1930er-Jahre erreichten diese Bereiche nur mit dem Boot.
Miesmuschelbänke gab es damals nur zwei, beide am Rand des Hauptpriels. Im ständig überfluteten Teil der Bucht lag dagegen eine Bank der heimischen Europäischen Auster (Ostrea edulis), die durch langjährige Übernutzung bereits in Auflösung begriffen war. Zweimal, 1914 und 1925/26, versuchte man sie mit holländischen Jungaustern neu zu beleben. Beide Versuche scheiterten, vermutlich weil den zugekauften Tieren die Widerstandskraft gegen die kälteren Winter des nördlichen Wattenmeeres fehlte. Bis 1954 war die Bank vollständig verschwunden. Mit ihr gingen regionalspezifische Anpassungen der Europäischen Auster an das nördliche Wattenmeer unwiederbringlich verloren – der erste große Verlust der hundertjährigen Bilanz.
4. Warum verschwand das Seegras?
1933 und 1934 wurde das Große Seegras vom äußerst infektiösen Einzeller Labyrinthula zosterae befallen und starb ab. Der schleimpilzartige Erreger trat zuerst in Nordamerika auf und wurde von dort vermutlich mit Schiffen eingeschleppt. Im Gezeitenbereich erholte sich das Seegras bis 1954 halbwegs, die ausgedehnte Wiese im dauerhaft überfluteten Bereich aber kam nie zurück.
Die Folgen reichten weit über das Seegras hinaus. Seegraswiesen bremsen die Strömung am Boden und lassen feine Partikel absinken; sie schaffen sich ihren schlickigen Untergrund also selbst. Wo das Seegras verschwand, wurden die Schlickpartikel weggespült. Der Boden wurde sandiger, und Wattwürmer (Arenicola marina) breiteten sich aus. Mit ihrer intensiven Wühltätigkeit verstärkten sie den sandigen Zustand. Ihre Grabtätigkeit verschüttet zudem Seegrassamen und erschwert eine Rückkehr des Seegrases zusätzlich. Aus schlickigen Seegraswiesen wurden sandige Wattwurmflächen. Der Charakter der Königshafen-Bucht änderte sich grundlegend.
Dass dieser Wechsel nicht zwangsläufig unumkehrbar ist, zeigten Ausschlussexperimente Ende der 1970er-Jahre: Sperrte man die Wattwürmer von Flächen aus, wanderte das Seegras sofort ein. In einem ähnlichen Versuch 25 Jahre später blieben die Flächen dagegen fast seegrasfrei – zu diesem Zeitpunkt war der Seegrasbestand der Bucht aber bereits deutlich zurückgegangen.
5. Wie stark wirkte sich die Überdüngung aus?
Ab dem Sommer 1979 überzogen großflächig Matten aus fädigen Grünalgen das Watt. Sie bedeckten die verbliebenen Seegraswiesen, und überlagerten weite Sandwattflächen, weil Algenstränge in die Fresstrichter der Wattwurmbauten rutschten und sich dort verankerten. Von unten her begannen die Matten zu faulen, Schwefelwasserstoff sammelte sich an, die Bodentiere flohen oder erstickten. Auch beeinträchtigte dichter Bewuchs mit mikroskopischen Algen die Fotosynthese der Seegräser.
Ursache war das Überangebot der Pflanzennährstoffe Stickstoff und Phosphor, die über Flüsse ins Küstenwasser gelangten. Die Nährstofffrachten erreichten Ende der 1980er-Jahre ihren Höchststand und sind seither um etwa die Hälfte (Stickstoff) beziehungsweise 70 bis 85 Prozent (Phosphor) zurückgegangen. Der Grund dafür ist die geringere Belastung aus Landwirtschaft und Abwässern aufgrund gesellschaftlicher und politischer Entscheidungen. Demzufolge treten Grünalgenmatten seit den 2000er-Jahren nicht mehr großflächig im Königshafen auf.
Doch das Seegras kehrte dort trotzdem nicht dauerhaft zurück. 1958 bildete es noch einen zusammenhängenden Gürtel, in den 1970er-Jahren zerfiel dieser in einzelne Flecken. Nach einem Zwischenhoch in den 1980er-Jahren ging es weiter abwärts; seit 2020 sind die dichten Wiesen verschwunden, nur kleine Restbestände halten sich noch. Die Gründe dafür sind unklar, denn in großen Teilen des übrigen nördlichen Wattenmeeres hat sich das Seegras seit den 2000er-Jahren wieder ausgebreitet und bedeckt heute eine Gesamtfläche wie in den 1930er-Jahren. Über den gesamten Zeitraum betrachtet lässt sich aber konstatieren, dass zuerst eine eingeschleppte Krankheit das Große Seegras befiel und später beide Seegrasarten unter den zu hohen Nährstoffeinträgen in das Wattenmeer zu leiden hatten.
6. Welchen Einfluss hatten die Eiswinter?
Strenge Winter waren jahrzehntelang ein wichtiger ökologischer Taktgeber im Wattenmeer. Wenn Eisschollen über die Wattflächen schrammten, zerstörten sie die Miesmuschelbänke. Der Frost tat ein Übriges und dezimierte beispielsweise Herzmuscheln, Bäumchenröhrenwürmer und die eingeschleppte Pantoffelschnecke. Im Sommer danach überschwemmten junge Muscheln die Wattflächen. Sie konnten überleben, weil ihre Fressfeinde nach einem strengen Winter dezimiert waren oder zu spät kamen und aktiv wurden – die kleinen Muscheln waren dann schon durch festere Schalen geschützt. Nach einem milden Winter hingegen wird die frische Muschelbrut schnell von jungen Strandkrabben, Garnelen und Fischen aufgefressen.
Seit den späten 1990er-Jahren sind die eisigen Winter selten geworden. Eisschollen schoben sich zuletzt nur noch 2012 und kurzzeitig im Februar 2026 über das Watt. Für die Muschelbestände bedeutet das einen dauerhaften Fraßdruck ohne Erholungsphasen – und die starken Jahrgänge fallen nahezu aus.
Die mittlere Wintertemperatur an der Wetterstation List ist seit 1937 um 3,1 Grad Celsius gestiegen, die Sommertemperatur nur um 1,4 Grad; das Oberflächenwasser ist heute rund zwei Grad wärmer als in den 1930er-Jahren.
Bemerkenswert ist dabei, dass nicht die mittlere Jahrestemperatur den Unterschied macht, sondern das Ausbleiben von Extremereignissen. Statt der Eiswinter könnten künftig sommerliche Hitzewellen die Extreme bilden, die im Watt ebenfalls Massensterben und Abwanderung auslösen können. Die eingeschleppte Pazifische Auster profitiert beispielsweise gleich doppelt: Eiswinter setzen ihr zu, während in heißen Sommern ihr Nachwuchs besonders gut gedeiht.
7. Wie aus Miesmuschelbänken „Auschelbänke“ wurden
Unweit des Königshafens führte 1986 ein Fischereibetrieb Pazifische Austern (Magallana gigas) für die Vermarktung ein, wo sie in Netzbeuteln auf Gestellen gehalten werden. Von dort gelangten die freischwimmenden Austernlarven ins Wattenmeer und ließen sich auf den Miesmuschelbänken nieder. Die eingeschleppten Austern wuchsen schnell und erdrückten zunächst die kleineren Miesmuscheln, auf denen sie saßen. Doch allmählich bildeten die Austern dreidimensionale Riffe, in deren Nischen die Miesmuscheln einen neuen Lebensraum fanden. Sie bleiben dort kleiner, sind aber vor Fressfeinden wie Seesternen, Krebsen, Möwen und Eiderenten geschützt.
Auf diese Weise wurden aus den Miesmuschelbänken die „Auschelbänke“ mit einem Mix aus Pazifischen Austern und heimischen Miesmuscheln.
Die Klimaerwärmung half dabei entscheidend: Pazifische Austern breiten sich aus, wenn die Wassertemperaturen im Sommer regelmäßig über 18 Grad Celsius steigen. Diese Bedingung war im Königshafen ab dem Jahr 2002 fast jeden Sommer erfüllt – und damit begannen die Pazifischen Austern die meisten Muschelbänke zu dominieren.
Dadurch veränderte sich die Ökologie der Wattenmeerbucht: Ihre Filtrierleistung hat sich durch die eingewanderten Austern mehr als verdoppelt. Auschelbänke bilden heute einen fast durchgehenden Riegel am Eingang des Königshafens, dämpfen die Wellenenergie und verlangsamen den Ebbstrom, sodass landwärts große Niedrigwassertümpel entstanden sind. Zusammen mit den Sinkstoffen, die die Muscheln ausscheiden, führt das wieder zu mehr Schlick im Wattboden: Der Anteil schlickiger Flächen lag in den 1930er-Jahren über 30 Prozent, sank bis 1990 auf rund 10 Prozent und ist inzwischen wieder auf etwa 20 Prozent gestiegen. Zusätzlich bremst der mit den Austern eingeschleppte Japanische Beerentang (Sargassum muticum), der auf den Riffen wächst, die Strömung im Hauptpriel.
Mit dem Schlick kehren verloren geglaubte Arten in den Königshafen zurück. Der Schlickkrebs Corophium volutator, der bis in die 1970er-Jahre im oberen Watt massenhaft vorkam und dann vier Jahrzehnte fast völlig fehlte, ist seit Ende der 2010er-Jahre wieder da. Die eingeschleppten Austern konnten also zumindest teilweise Bedingungen wiederherstellen, die einst das verschwundene Seegras geschaffen hatte.
8. Wer zählt zu den Gewinnern, wer zu den Verlierern?
Hohe biologische Artenvielfalt verspricht Anpassungsfähigkeit. Fällt eine Art aus, können andere deren Funktion übernehmen. Aber wie viele Arten gingen in den vergangenen 100 Jahren verloren und wie viele sind hinzugekommen? Obwohl Verluste schwerer zu erfassen sind als Neuzugänge, ist der Befund eindeutig: Nur sechs der in den 1920–30er Jahren aufgeführten Arten an Algen und Wattbodentieren konnten später im Königshafen nicht mehr gefunden werden, während über 50 gebietsfremde Arten neu aufgetaucht sind, davon besonders viele in den letzten 25 Jahren. Nahezu alle stammen von wärmeren Küsten in Übersee. Nach Europa gelangten sie meist als blinde Passagiere mit dem Schiffsverkehr oder wurden aus wirtschaftlichen Gründen eingeführt – so wie die Pazifischen Austern, mit deren Importen auch weitere anheftende Arten eingeschleppt wurden.
Manche Arten kehrten nach Jahrzehnten wieder in den Königshafen zurück: Der große Ringelwurm Neoamphitrite figulus, der einst in Seegraswiesen lebte, war jahrzehntelang verschwunden und siedelte sich in den 1990er-Jahren auf den Auschelbänken neu an. Auch der Bohrschwamm Cliona celata und der Wurm Dodecaceria concharum, die mit den heimischen Austern verschwunden waren, kehrten mit den Pazifischen Austern zurück. Wie schwierig die Frage ist, welche Arten als heimisch zu betrachten sind, zeigt das Beispiel der Sandklaffmuschel (Mya arenaria). Sie stammt aus Amerika und erreichte das Wattenmeer bereits im 14. Jahrhundert – also bevor der Königshafen überhaupt entstanden war.
Bisher konnte im Königshafen kein einziger Artenverlust nachgewiesen werden, der auf das Konto der Neuankömmlinge geht. Das liegt vermutlich daran, dass das Wattenmeer ein vergleichsweise junger Lebensraum ist, der noch viel Freiraum für zusätzliche ökologische Funktionen zulässt. Durch ihre Herkunft bringen die Neuen bereits Anpassungen an die aktuelle Klimaerwärmung im Wattenmeer mit und könnten klimabedingte Ausfälle heimischer Arten zumindest teilweise kompensieren – etwa einem Nahrungsmangel für Fische und Vögel entgegenwirken. Auszuschließen ist jedoch auch nicht, dass unter den Eingeschleppten ein hoch infektiöser Krankheitserreger ist, wie beim Seegras in den 1930er-Jahren.
Ringelgänse und Pfeifenten haben sich an das veränderte Nahrungsangebot angepasst. Sie fressen im Herbst bevorzugt Seegras, weichen aber im Königshafen nun bei Niedrigwasser auf Grünalgen im Watt und bei Hochwasser auf Landpflanzen in den Salzmarschen aus. Eiderenten hingegen, die sich vorzugsweise von Miesmuscheln ernähren, sind in der Bucht selten geworden. Sie kommen an die kleinen Miesmuscheln zwischen den großen, fest zementierten Austern kaum heran. Aus dem Wattenmeer verschwunden sind sie aber nicht, weil es anderswo noch große Miesmuschelvorkommen ohne Austern gibt. Zudem können sie auch auf andere Muschelarten ausweichen.
Unter dem Strich ist die Artenzahl der Bucht deutlich gestiegen. Die Funktionsweise des Ökosystems hat sich dabei grundlegend verschoben: von einer überwiegend autotrophen zu einer überwiegend heterotrophen Bucht – also von einem durch Pflanzen zu einem durch Konsumenten geprägten System. Die starke Zunahme filtrierender Bodentiere legt nahe, dass das Planktonangebot aus der Nordsee vorher nur zu einem geringen Teil ausgeschöpft wurde. Umgekehrt zeigt der Seegrasverlust, dass das Potenzial für großwüchsige Primärproduzenten heute von oft eingeschleppten Algen genutzt wird.
9. Ein neuartiges Ökosystem
Die ökologische Geschichte des Königshafen hat am Wattboden ein Mosaik aus vorhandenen und neu hinzugekommenen Elementen hervorgebracht, die ein anderes Ökosystem bilden, als vor 100 Jahren. Die anhaltenden Folgen der Seegras-Verluste und die Ankunft der Pazifischen Auster verdeutlichen die Bedeutung einzelner Ereignisse für ökologische Muster und Prozesse. Die Effekte summieren sich nicht einfach, sondern ihre zeitliche Abfolge hat ebenfalls zu den heutigen Ökosystemstrukturen beigetragen.
Verändert haben sich dadurch auch die Leistungen des Ökosystems, beispielsweise die Funktion als Kohlenstoffsenke oder -quelle, der Nährstoffkreislauf sowie Nahrungsnetze und Nahrungsverfügbarkeit für Vögel und Fische.
Verursacht wurden diese Veränderungen vor allem durch direkte und indirekte menschliche Einflüsse – beginnend mit der Jagd auf große Tiere sowie Landgewinnung und Deichbau bis hin zu dem heutigen globalen Wandel, der Erhitzung der Meere, eingeschleppten Arten und weiteren Faktoren, die nicht an den Schutzgebietsgrenzen des Wattenmeeres Halt machen.
Am Wattboden des Königshafens haben Einschleppungen zu einem steigenden Netto-Artenreichtum geführt. Eine steigende Artenzahl ist hier allerdings kein Beleg für einen guten Umweltzustand, sondern das ist die Folge von globalem Seehandel, Aquakulturen und Klimaerwärmung. Die Weltnaturschutzunion IUCN stuft den ökologischen Zustand des Weltnaturerbes Wattenmeer nur noch mit Einschränkungen als gut ein und nennt als Gründe für die Verschlechterung den Klimawandel, chemische Verschmutzung, Überfischung sowie den Ausbau von Häfen und Offshore-Windparks, intensiven Tourismus und invasive Arten, also einem Mix aus globalen, aber insbesondere auch regionalen Stressoren.
Dennoch ist das im Königshafen entstandene neuartige Ökosystem der historischen Natur nicht notwendigerweise unterlegen. Eingeschleppte Arten können ebenso gut oder besser an den fortschreitenden globalen Wandel angepasst sein als einheimische Arten und damit sogar Vorteile bieten – bergen aber auch unkontrollierbare Risiken wie Krankheitserreger.
10. Was folgt daraus für das Meeresmanagement?
Die ökologische Geschichte mit ihren nicht vorhersagbaren und einzigartigen Ereignissen bestätigt, dass lineare Projektionen von aktuellen Trends in die Zukunft scheitern. Die unerwartete Zusammenkunft von einheimischen Miesmuscheln und Pazifischen Austern in den neuen Auschelbänken und die damit verbundene überraschende Rückkehr schlickreicher Lebensräume in den Königshafen zeigen, wie wenig vorhersagbar ökologische Entwicklungen sein können. Das entwertet Modelle und Systemanalysen nicht. Aber ein Modell ohne Zeittiefe beschreibt nur, wie ein Ökosystem gerade funktioniert, nicht, warum es so geworden ist – und es verleitet dazu, aktuelle Trends geradlinig in die Zukunft zu verlängern. Ökologische Geschichte kann Modelle korrigieren und ergänzen.
Für den Blick auf die Natur im globalen Wandel zeigt das Beispiel Königshafen: Das ursprünglich Natürliche ist in einer sich ändernden Umwelt nicht zwangsläufig auch das Widerstandsfähigste. Das neuartige Ökosystem in der Wattenmeerbucht ist möglicherweise besonders gut vorbereitet auf zukünftige Herausforderungen wie Hitzewellen, höhere Sturmfluten oder weitere Arteneinschleppungen. Dennoch ist einer Klima- und Umweltpolitik Priorität einzuräumen, die solchen Entwicklungen entgegenwirkt.
Für den Naturschutz bedeutet dies, der Entfaltung von Ökosystemen möglichst viel Freiraum zu lassen. Natur muss sich dem klimatischen Wandel und den Folgen der Globalisierung anpassen können.
Der Naturschutz sollte nur eingreifen, wo bestimmte Zustände gesellschaftlich ausdrücklich erwünscht sind, der Arterhaltung dienen oder wo die Zerstörung von natürlichem Lebensraum aufgehalten werden kann. Im Wattenmeer gilt es besonders der zunehmenden Versteinerung der Ufer, dem Ausbaggern von Fahrrinnen und der Fischerei mit Schleppnetzen entgegenzutreten.
11. Die Wattenmeerstation Sylt und das Autorenteam
1924 wurde am Königshafen ein Labor zur Erforschung einheimischer Europäischer Austern gegründet. Es besteht bis heute als Wattenmeerstation Sylt des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Die Station betreibt Forschung zur Küstenökologie und bietet Studierenden und Forschungsgästen direkten Zugang und einmalige Einblicke ins Wattenmeer. Solche Einrichtungen für ökologische Forschung sind unerlässlich, um Wissen über Langzeitveränderungen zu schaffen und für die Zukunftsherausforderungen des globalen Wandels bereit zu stellen.
Dieser Fokus beruht auf Texten und Arbeiten eines Autorenteams, das an der Wattenmeerstation Sylt intensiv geforscht hat: Karsten Reise, Christian Buschbaum, Tobias Dolch, Justus van Beusekom und Mathias Wegner. Ihre Ergebnisse und die Arbeit von Generationen von Wissenschaftler:innen und Studierenden im Königshafen haben sie 2025 in dem Übersichtsartikel „Benthic losers and winners in a tidal bay since the 1920s“ in der Fachzeitschrift Marine Biodiversity zusammengestellt, der unter folgendem Link heruntergeladen werden kann:
https://link.springer.com/article/10.1007/s12526-025-01566-5