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Fokus

Meereslebensräume wiederherstellen

Erfolgreiche Projekte zeigen, dass geschädigte Meeresökosysteme unter bestimmten Voraussetzungen gesunden können und dass Mensch und Natur großen Nutzen davon haben.

1. Hohe Verluste von Küstenökosystemen

Wer das Leben im Meer stärken will, muss zuallererst die noch intakten Lebensräume des Ozeans schützen und erhalten. Dazu gehören zum Beispiel Lebensgemeinschaften am Meeresboden der Tiefsee, Ökosysteme in erfolgreich umgesetzten Schutzgebieten weltweit sowie Lebensgemeinschaften in jenen Teilen des Nord- und Südpolarmeeres, die für Menschen weiterhin schwer zugänglich sind.

In vielen anderen Meeresregionen, vor allem aber in den Küstengewässern der Kontinente, haben Menschen deutliche Spuren hinterlassen. Mehr als ein Drittel der überwachten Fischbestände sind überfischt, 85 Prozent aller Muschelbänke verloren und 20 bis 50 Prozent aller tropischen Korallenriffe, Seegraswiesen, Mangroven- und Kelpwälder stark in Mitleidenschaft gezogen oder sogar gänzlich verschwunden. Die nebenstehende Grafik fasst Bestand, Hauptgefahren, Verlustraten beispielhaft für vier Küstenökosysteme zusammen.

Nicht in der Grafik dargestellt, aber besonders stark betroffen sind tropische Korallenriffe. Im Einzugsbereich des australischen Great Barrier Reefs wurden zum Beispiel bis zum Jahr 2015 fast zehn Prozent der gesamten Küstenlinie (2.300 km) durch Steindämme, Yachthäfen, Anlegestellen und andere städtische Infrastrukturen ersetzt. Im Zuge dieser Bauarbeiten gingen nicht nur zahlreiche Teilstücke des Korallenriffs verloren. Die Küstenverbauung verstärkte zudem die Zersplitterung des empfindlichen tropischen Ökosystems.

2. Schlüsselstrategie für ein Ende des Artenrückganges

Wenn sich die Artenvielfalt des Meeres erholen soll, müssen solche zentralen Lebensräume wiederhergestellt werden. Unter ökologischer Wiederherstellung (englisch: ecological restoration) verstehen Fachleute jenen Prozess, der die Voraussetzungen schafft, dass geschädigte, degradierte oder zerstörte Ökosysteme sich erholen können und zugleich in die Lage versetzt werden, sich an lokale und globale Veränderungen anzupassen. Das Hauptziel dabei lautet, den Fortbestand und die Entwicklung der in dem Ökosystem lebenden Arten zu garantieren. 

Obwohl Menschen in einigen Küstenregionen der Welt bereits seit Jahrtausenden Muschelgärten pflegen, Seegraswiesen anpflanzen oder Großalgen züchten, um ausreichend Nahrung zu haben oder die Wasserqualität zu verbessern, ist die Forschung zur Renaturierung oder Wiederherstellung mariner Lebensräume noch vergleichsweise jung.

Projekte miteinander zu vergleichen oder klare Erfolgsfaktoren zu identifizieren, gelingt Fachleuten deshalb noch nicht immer. Es dauert beispielsweise zumeist mehrere Jahre, bis sich die Erfolge eines Wiederansiedlungsprojektes tatsächlich nachweisen und mit den Ergebnissen anderer Maßnahmen vergleichen lassen.

Es ist darum zentral wichtig, Lebensräume zu schützen und Stressfaktoren so zu reduzieren, dass Ökosysteme gar nicht erst geschädigt oder gar zerstört werden. Um die Artenvielfalt des Meeres weiter zu stärken, so sind sich Fachleute einig, gibt es daneben aber keine geeignetere Methode als geschädigte oder zerstörte Lebensräume wiederherzustellen und fortan nur noch schonend zu nutzen.

3. Leitprinzipien für eine erfolgreiche Wiederherstellung

Auf Grundlage der Erfahrungen mit bisherigen Projekten zur Wiederherstellung von Ökosystemen haben Fachleute erste Leitprinzipien abgeleitet, deren Einhaltung die Erfolgsaussichten erhöhen. Demnach müssen im ersten Schritt alle menschlichen Aktivitäten beendet oder deutlich verringert werden, die dem jeweiligen Ökosystem Schaden zufügen. Das bedeutet in der Regel, dass die Jagd auf bedrohte Arten verboten wird, zerstörerische Fischfangtechniken nicht mehr eingesetzt werden dürfen, lokale Quellen der Meeresverschmutzung entfernt sowie eine übermäßige Ressourcenentnahme wie das Abbaggern von Sand und Kies oder das Fällen von Mangrovenbäumen für den Holzhandel eingestellt wird.

Beschränken sich die Maßnahmen eines Wiederherstellungsprojektes auf diesen ersten Schritt, sprechen Fachleute auch von passiver Wiederherstellung (englisch: passive restoration). Die Projektleitung setzt in diesem Fall darauf, dass sich die Natur von selbst erholt, sobald alle zerstörerischen Eingriffe gestoppt sind.

Dass diese Strategie sehr gut funktionieren kann, belegt unter anderem die steigende Zahl der Bartenwale. Seitdem der kommerzielle Walfang auf Blau-, Fin-, Sei-, Buckel-, Grau- und andere Großwale nahezu weltweit verboten ist, erholen sich die Bestände. Abzuwarten bleibt, inwiefern die Folgen des Klimawandels diese positive Entwicklung beeinflussen.

Von einer aktiven Wiederherstellung ist hingegen die Rede, wenn die Maßnahmen weit über das Beseitigen der Schadensursachen hinausgehen und Menschen einen Meeresraum aktiv neu gestalten. Etwa indem sie…

  • … den Meeresuntergrund oder die hydrologischen Bedingungen vor Ort derart verändern, dass bedrohte Arten wieder bessere Lebensbedingungen vorfinden. Um die natürliche Ansiedlung von Muschelbänken zu forcieren, werden zum Beispiel große Mengen leerer Muschelschalen im Küstenmeer ausgebracht, sodass sich Muschellarven darauf festsetzen können.
  • … schädliche gebietsfremde Arten entfernen, um die Überlebenschancen bedrohter einheimischer Arten zu erhöhen
  • … einheimische Tiere und Pflanzen wieder ansiedeln. Prominente Beispiele für erfolgreiche Wiederherstellungsmaßnahmen sind Neupflanzungen von Mangrovenwäldern und Seegraswiesen, die Anlage neuer Salzmarschen sowie Ansätze zur gezielten Fortpflanzung und Ansiedlung tropischer Korallen.

Mancherorts kombinieren die Projektinitiatoren auch mehrere Ansätze. Im Norden Norwegens beispielsweise verfolgen Forschende derzeit eine Doppelstrategie, um den dramatischen Rückgang der Tangwälder (Kelp/Großalgen) vor der Küste zu stoppen. Sie setzen zum einen Katzenwelse aus, die in Norwegen lange Zeit überfischt wurden. Die am Meeresboden lebenden Welse fressen mit Vorliebe Seeigel, die für den dramatischen Rückgang der Kelpwälder verantwortlich sind. Wo Seeigel in großer Zahl auftreten, fressen sie ganze Küstenabschnitte kahl. 

Gleichzeitig platzieren die Forschenden Ringe am Meeresboden, die mit gesunden Tangen besetzt sind. Diese von Menschen erzeugten “Kelp-Flecken” sollen Fische anlocken und in der Fortpflanzungszeit viele Millionen Algensporen in das Meer entlassen, sodass sich neue Großalgen auf den kahl gefressenen Flächen der Felsküste ansiedeln können.

Damit das Wiederansiedlungsprojekt jedoch langfristig ein Erfolg wird, müssen Katzenwelse, Seeigel und Seetang in einem ausbalancierten Verhältnis zueinander vorkommen. Das bedeutet, dass der Fang von Katzenwelsen in diesem Küstengebiet vorerst gestoppt werden muss. Diese Maßnahme wiederum setzt voraus, dass politische Entscheidungsträger:innen und die lokalen Fischereiunternehmen das Gesamtprojekt unterstützen.

Wiederherstellung von Korallen

Korallenriffe sind durch den Klimawandel besonders bedroht. Angaben der Initiative “International Coral Reef Initiative” (ICRI) zufolge sind bereits 84 Prozent der weltweiten Korallenriffe im Flachwasser geschädigt. Es gibt deshalb zahlreiche Projekte, die sich mit der Wiederherstellung von Korallenriffen beschäftigen. Im Fokus steht dabei zumeist das Coral Gardening, also Korallengärtnereien. Dabei werden Korallenfragmente aus gesunden Riffen entnommen, aufgezogen und später auf geschädigte Riffe gesetzt. 

Eine andere Methode ist die assistierte geschlechtliche Korallenfortpflanzung. Dafür werden zu dem Zeitpunkt des Korallenlaichens Ei- und Samenzellen eingesammelt und im Labor miteinander vermischt, so dass sie sich befruchten. Die Larven bekommen Substrate, auf denen sie sich ansiedeln können, und die anschließend nach einiger Zeit im Riff ausgebracht werden. Das nebenstehende Comic erklärt die Methode und kann mit einem Klick auf das Cover heruntergeladen werden.

4. Einbindung der einheimischen Bevölkerung

Politik und Wirtschaft sind jedoch nur zwei von vielen Partnern, die von dem Sinn des jeweiligen Projekts überzeugt sein müssen. Die Wiederherstellung mariner Lebensräume kann nur gelingen, wenn alle von den notwendigen Maßnahmen betroffenen Bevölkerungsgruppen von Anfang an in die Planung und Umsetzung des Projektes mit eingebunden sind und dessen Ziele unterstützen. Dabei gilt es, neben wissenschaftlichen Fakten und Methoden aus vielen Fachdisziplinen auch das Wissen der lokalen Akteur:innen zu berücksichtigen.

Wie hilfreich die Expertise der lokalen Küstenbevölkerung sein kann, unterstreichen Erfahrungen aus verschiedenen Projekten zur Wiederaufforstung geschädigter oder zerstörter Mangrovenwälder. Dank der guten Ortskenntnisse Einheimischer konnten Fachleute in Kolumbien zum Beispiel die schädliche Versalzung eines sterbenden Mangrovenwaldes stoppen, den regelmäßigen Eintrag von Meerwasser wiederherstellen und neue Mangroven anpflanzen.

Best Practice Guide zum Mangrovenschutz

Auf welch unterschiedliche Weise die lokale Küstenbevölkerung mit ihrem Wissen zum Gelingen von Wiederherstellungsprojekten beitragen kann, stellen Fachleute der Global Mangrove Alliance gemeinsam mit lokalen Partnern in ihrem Best Practice Guide “Including Local Ecological Knowledge in Mangrove Restoration & Conservation” vor. 

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5. Benachbarte Ökosysteme zusammendenken

Bewährt hat sich außerdem, Wiederherstellungspläne über die Grenzen eines Ökosystems hinauszudenken und den gesamten Küstenabschnitt in den Blick zu nehmen. Dessen verschiedene Ökosysteme beeinflussen sich nämlich gegenseitig und der Verlust oder die Schädigung eines Lebensraumtyps kann negative Auswirkungen auf benachbarte Ökosysteme haben.

In den Tropen beispielsweise kommen Seegraswiesen und Mangroven vor allem in Gewässern vor, deren Wellenbewegungen und Strömungen durch vorgelagerte Korallenriffe gebremst werden. Die Korallen und Seegraswiesen wiederum profitieren davon, dass die Mangroven mit ihren vielen Wurzeln Sedimente zurückhalten und so für ausreichend klares Wasser sorgen, welches Seegräser und Korallen benötigen, um Photosynthese zu betreiben. Sollen Wiederherstellungsmaßnahmen die Gesundheit und Widerstandskraft mariner Ökosysteme stärken, muss bei ihrer Planung berücksichtigt werden, wie sich die räumlichen Gegebenheiten und Abhängigkeiten mehrerer Lebensraumtypen positiv aufeinander auswirken.

Werden Projekte so übergreifend gedacht, geplant und umgesetzt, profitieren auch die heimischen Tiere und Pflanzen – insbesondere jene Arten, die im Laufe ihres Lebens von einem Ökosystem in ein anderes wechseln. Die Riesenschlammkrabbe Scylla serrata etwa verbringt den größten Teil ihres Lebens in Mangroven und anderen küstennahen Lebensräumen. Zum Laichen wandert sie jedoch ins offene Meer, da ihre Larven den niedrigen Salzgehalt im Wasser der Küstengewässer nicht vertragen.

Wie schnell Meeresorganismen neu gepflanzte Küstenökosysteme (wieder-)besiedeln, illustrieren Beobachtungen aus einem Forschungsprojekt zu neu gepflanzten Seegraswiesen in der deutschen Ostsee. Verschiedene Flohkrebse zogen nur binnen weniger Monate in die neue Wiese ein, die typischen Bewohner der Sedimentschicht (weiche, obere Meeresbodenschicht) dagegen erst nach etwa zwei Jahren. Die wichtige Mikrobengemeinschaft wiederum ließ auf sich warten. Die Forschenden schlossen daraus, dass die Wiederherstellung einer Seegraswiese einerseits schnell zu einer Erhöhung der lokalen Biodiversität führt. Die Rückkehr der Arten andererseits jedoch nach zwei Jahren längst noch nicht abgeschlossen ist.

6. Wiederherstellung lohnt sich auch für die Menschen

Wiederherstellungsprojekte erfolgreich umzusetzen, ist angesichts des aktuellen Klimawandels und Artensterbens wichtiger denn je. Zudem hat sich die Staatengemeinschaft im Jahr 2022 in ihrer neuen globalen Vereinbarung für biologische Vielfalt (Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework) ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Bis zum Jahr 2030 wollen die Staaten 30 Prozent der geschädigten Ökosysteme an Land und im Meer wiederherstellen.

Die Europäische Union gibt sich in ihrem neuen Gesetz zur Wiederherstellung der Natur etwas mehr Zeit. Dessen Vorgaben zielen darauf ab, bis zum Jahr 2030 mindestens 20 Prozent der geschädigten Meeresgebiete Europas und bis zum Jahr 2050 alle wiederherstellungsbedürftigen Ökosysteme in einen gesunden Zustand zu versetzen.

Erfolgreiche Wiederherstellungsprojekte aus verschiedenen Küstengebieten der Welt wecken die Hoffnung, dass diese ehrgeizigen Pläne umsetzbar sind. Sie zeigen nämlich, dass entsprechende Maßnahmen im Meer

  • über große Flächen (1.000 bis 100.000 Hektar) wirksam sein können,
  • jahrzehntelang Bestand haben können,
  • rasch eine Wirkung über die eigentlichen Projektgrenzen hinaus entwickeln können,
  • kosteneffizient sein können und
  • soziale und wirtschaftliche Vorteile für die Menschen vor Ort mit sich bringen können.

Dafür müssen sie jedoch nicht nur den lokalen Bedingungen entsprechend geplant, umgesetzt, überwacht und evaluiert werden. Im Anschluss sind auch alle Beteiligten gefragt, ihren Umgang mit dem Meer zu ändern und die renaturierten Ökosysteme nur noch nachhaltig zu nutzen.

Empfehlenswerte Literatur auf Deutsch:

 

Empfehlenswerte englische Literatur für interessierte Laien:

 

Empfehlenswerte englische Fachliteratur (open access):

  • Duarte, C.M., Agusti, S., Barbier, E. et al. Rebuilding marine life. Nature 580, 39–51 (2020). https://doi.org/10.1038/s41586-020-2146-7
  • Gann, G.D., et al. (2019): International principles and standards for the practice of ecological restoration. Second edition. Restor Ecol, 27: S1-S46.DOI: 10.1111/rec.13035
  • Lovelock, C.E., Hagger, V., Feller, I.C. et al. Mangrove biodiversity and ecosystem services. Nat. Rev. Biodivers. (2025). https://doi.org/10.1038/s44358-025-00103-3
  • Saunders, Megan I. et al. (2020): Bright Spots in Coastal Marine Ecosystem Restoration. Current Biology, Volume 30, Issue 24, R1500 - R1510, DOI: 10.1016/j.cub.2020.10.056
  • Smith, Rachel S. & Pruett, Jessica L. (2025): Oyster Restoration to Recover Ecosystem Services. Annual Review of Marine Science Volume 17, 2025, DOI: 10.1146/annurev-marine-040423-023007
  • M.L. Vozzo, et al. (2023): To restore coastal marine areas, we need to work across multiple habitats simultaneously. Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 120 (26) e2300546120, DOI: 10.1073/pnas.2300546120
  • Waltham NJ, et al. (2020): UN Decade on Ecosystem Restoration 2021–2030—What Chance for Success in Restoring Coastal Ecosystems?. Front. Mar. Sci. 7:71. DOI: 10.3389/fmars.2020.00071 

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